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FOKUS.THEMA
Vom Reiz der Langlebigkeit
Im appenzellischen Gonten setzt man auf zukunftsweisende Gesundheitstrends – und auf traditionelles Handwerk. Wie Biohacking und Strickbau zusammenfinden, zeigt sich im neuen Fünf-Stern-Superior-Hotel «Huus Quell».
Text Susanne Lieber | Fotos und Pläne Jan Group AG
Longevity ist derzeit in aller Munde. Die Idee, Alterungsprozesse durch aktives Zutun auszuhebeln oder zumindest zu verlangsamen, hat sich für viele als attraktives Lebensmodell etabliert. Und die Forschung liefert dazu täglich neue Erkenntnisse. Im Fünf-Stern-Superior-Hotel Huus Quell – die neue Luxusdestination innerhalb des Resorts Appenzeller Huus – ist das Thema Longevity ebenfalls angekommen. Gäste können sich dort nämlich nicht nur auf einen 2200 Quadratmeter grossen Spa- und Wellnessbereich mit den üblichen Annehmlichkeiten wie Pools, Saunen und Dampfbädern freuen, sondern auch über Longevity-Anwendungen im Speziellen.
Lang lebe der Strickbau!
Obschon man sich im neuen Luxushotel in Gonten intensiv mit Zukunftsvisionen auseinandersetzt, so spielten beim Gebäudeentwurf auch Traditionen und der Blick weit zurück in die Vergangenheit eine wichtige Rolle – was sich an der Architektur ablesen lässt: Der Holzbau, an dessen Fassade Zierelemente mit typischen Appenzeller Motiven auszumachen sind, ist in Strickbauweise erstellt. Eine Hommage des Bauherrn Jan Schoch (Schweizer Fintech-Pionier) an das denkmalgeschützte Gasthaus Bären, das er in Gonten einige Jahre zuvor gekauft hatte und damit den Grundstein zum heutigen Resort Appenzeller Huus legte. In Anlehnung an diesen historischen Strickbau aus dem Jahr 1602 wurde das fünfgeschossige Huus Quell in ähnlicher Weise erbaut – wenngleich in modern interpretierter Form. Hierbei handelt es sich nämlich um keinen reinen Strickbau, sondern um eine hybride Konstruktionsform: «Genau genommen wurde das Haupttragwerk in Elementbauweise konzipiert und dann mit vorgesetzten Strickbauwänden ergänzt», erklärt dazu Christoph Meier, Mitglied der Geschäftsleitung des Ingenieurbüros SJB Kempter Fitze. Die vertikale Lastabtragung erfolgt also über die vorgefertigten Rahmenbauelemente, die das Gebäude zusammen mit Deckenelementen aus massiven Bohlen (24 cm × 12 cm) und dem Erschliessungskern aussteifen. Das Treppenhaus ist konsequenterweise ebenfalls in Holz gebaut, musste aber aus Brandschutzgründen entsprechend gekapselt werden.
Die vorgesetzten Strickbauwände, die an den Ecken durch traditionelle Schwalbenschwanzverbindungen gefügt sind, wurden lediglich punktuell mit den dahinterliegenden, tragenden Rahmenbauelementen verbunden (mittels Dübel). Die Trennung der Bauteile liegt hierbei in der Schallübertragung begründet: «Dadurch gibt es keine Flankenübertragung», präzisiert Bauingenieur Christoph Meier.
Rautenförmige Sparrenlage
Im vierten Obergeschoss mit dem sogenannten Rooftop-Spa bildet das 14,5 Meter hohe Gebäude zwei Giebeldächer aus. Beim Blick nach oben fällt hier das Fachwerk an der Decke auf, bei dem die Sparrenlage rautenförmig angeordnet ist. Das Fachwerk und die gedämmten Dachelemente (Untersicht: Dreischichtplatten) sind miteinander verschraubt und ergänzen sich zu einer tragfähigen Einheit. Dass der weitläufige Spa-Bereich mit zwei grossen Pools im obersten Geschoss des Holzbaus liegt, stellte hier übrigens eine der grössten statischen Herausforderungen dar. Durch die längsseitige Ausrichtung der Pools an jeweils einer Fassadenseite erfolgt die Lastabtragung vor allem über die Aussenwände. In den drei Geschossen darunter liegen die Zimmer und Suiten, die – auch hier sehr traditionsbewusst – mit eigens angefertigten Textilien der bekannten Ostschweizer Manufaktur Jakob Schlaepfer ausgestattet wurden.
Im Erdgeschoss befindet sich die Bar «Botanicum», die Cocktails aus heimischen Kräutern und Früchten kredenzt und damit an den achtsamen Lebensstil im Hotel anknüpft. Nur wenige Meter entfernt spannt sich über dem markanten Empfangstresen im Eingangsbereich eine filigrane geometrische Holzstruktur, die jedoch nur dekorative Zwecke erfüllt.
Das Erdgeschoss umfasst auch einen Aussenbereich mit mehreren Wasserbecken, einer Dampfgrotte und einem Sauna-Iglu. Bei Letzterem handelt es sich um eine frei geformte Miniarchitektur aus der Feder des Holzbauunternehmens Blumer Lehmann, das auch für die Fertigung des Dachstuhls verantwortlich zeichnet. «Insgesamt waren sechs verschiedene Holzbaubetriebe, die sich zu einer ARGE zusammengeschlossen haben, an diesem Hotelprojekt beteiligt», resümiert Martin Eggenberger, Projektleiter bei der Blumer-Lehmann AG. «Jeder Betrieb hatte dabei eine spezielle Aufgabe übernommen, um sein spezifisches Fachwissen einzubringen. Das Miteinander hat dabei sehr gut funktioniert.» Den Lead der ARGE hatte hierbei die Holzbau Manser AG inne und baute die Strickbauwände aus lokalem Mondholz. Des Weiteren verteilten sich die Verantwortlichkeiten wie folgt: Die S. Müller Holzbau AG fertigte die Gebäudehülle, die Dörig & Brülisauer GmbH übernahm den Fassadenbau, die Mettler Holzbau GmbH steuerte die Boden- und Deckenelemente bei, und die Krattiger Holzbau AG baute das gekapselte Treppenhaus.
Im Untergeschoss erstreckt sich ein weiterer grosszügig angelegter Spa- und Wellnessbereich mit Kräutersauna, Meditationssauna, Floating-Bereich, Dampfgrotte, Multisensory Lounge und mehreren Behandlungsräumen für die eingangs erwähnten Longevity-Anwendungen: In der «Multi Cryo Hacking System»-Kammer wird beispielsweise der Körper mithilfe von Licht, Tiefenwärme und ionisiertem Sauerstoff entspannt und regeneriert. Auch in der Kältekammer wird die zelluläre Regenerationsfähigkeit angekurbelt, allerdings bei frostigen −110 °C! Eine Gefässmassage mit Unter- und Überdruck (Flow-System) unterstützt wiederum bei der Entgiftung des Körpers. Und die Hyperbare Sauerstofftherapie (HBOT) soll die Leistungsfähigkeit fördern.
Vom Spa- und Wellnessbereich aus gelangen die Hotelgäste unterirdisch ins benachbarte Huus Bären, in dessen neuem Anbau sich das Restaurant Quell befindet. Und auch hier lohnt ein Blick nach oben, denn es verweben sich mächtige Balken zu einem elegant-imposanten Dachtragwerk. Ein Verweis auf die traditionelle Webkunst, die in der Region tief verwurzelt ist? Die textilbespannten Wände – einmal mehr stammen die exklusiven Stoffdessins von Jakob Schlaepfer – legen diesen Verdacht durchaus nahe.
blumer-lehmann.com, doerig-bruelisauer.ch, krattigerholzbau.ch, manser-holzbau.ch, mettler-holzbau.ch, smue.ch
Das Projekt – die Fakten
Projekt: Fünf-Stern-Superior-Hotel «Huus Quell», Gonten (AI)
Bauherrschaft: Jan Group AG, Gonten
Fertigstellung: Herbst 2025
Architektur: Rüssli Architekten AG, Luzern; Eschmann GmbH Architekturbüro, Aarau (AG)
Innenarchitektur: Jan Group AG (Anastasija Jovicic)
Projekt- und Bauleitung: Jan Group AG, Gonten
Holzbauingenieur: SJB Kempter Fitze AG, Herisau (AR)
Holzbau (ARGE): Blumer-Lehmann AG, Gossau (SG); Dörig & Brülisauer GmbH, Appenzell; Holzbau Albert Manser AG, Gonten; Krattiger Holzbau AG, Amriswil (TG); Mettler Holzbau GmbH, Schwellbrunn (AR); S. Müller Holzbau AG, Wil (SG)
Konstruktion / Tragwerk: Elementrahmenbau, ergänzt mit vorgesetzten Innenwänden in Strickbauweise, Dachstuhl mit rautenförmigem Fachwerk
Holzart: Fichte (Tragwerk); Räuchereiche (Innenausbau, Möblierung)
Geschossfläche: 2225 m²
Gebäudevolumen: 7450 m3
Besonderheiten: Das Mondholz für den Strickbau stammt aus einem Umkreis von nur 30 Kilometern.
Resort Appenzeller Huus
Das Fünf-Stern-Superior-Hotel Huus Quell wurde im Herbst 2025 eröffnet. Es ist Teil des Resorts Appenzeller Huus, zu dem auch der denkmalgeschützte Strickbau Huus Bären (Drei-Stern-Superior) aus dem Jahr 1602 sowie das historische Huus Löwen (Vier-Stern-
Superior) zählen – beide Gebäude sind nur wenige Meter entfernt. Bis Ende 2026 kommen noch vier Gebäude mit Wohneinheiten dazu, die ebenfalls in Holzbauweise erstellt werden.
appenzellerhuus.ch









