01/2016 Bewegung im Holzbau
Wohn.kultur
Wie ein wogendes Weizenfeld
Im Tscharnerhaus Stettfurt gab es schon bewegte Zeiten: Viele Jahre lang diente es der evangelischen Gemeinde als Pfarrhaus. Seit fünf Jahren ist der historische Riegelbau nun ein gern genutzter, öffentlicher Veranstaltungsort. Auffällig daran ist der moderne Anbau mit seiner dynamischen Lärchenholzfassade. Die gewellte Form soll an ein vom Wind verwehtes Weizenfeld erinnern.
Das Tscharnerhaus ist ein Haus mit lokaler Geschichte. Benannt nach den Thurgauer Landvögten Emanuel und Niklaus Tscharner, war es als Pfarrhaus viele Jahre die Heimstatt des Stettfurter Seelsorgers. Um das alte Pfarrhaus für Veranstaltungen der evangelischen Kirchengemeinde und verschiedener Vereine umnutzen zu können, wurde der Riegelbau 2011 komplett saniert, restauriert und statisch gesichert. Der Umgang mit der alten Bausubstanz verlangte von den Architekten einiges an Fachwissen und auch Erfahrung. Das Dachgeschoss musste zusätzlich verstärkt werden, da es bereits leicht nach vorn kippte. Hier wurden früher einmal - aus heute unbekannten Gründen - die Stützbalken entfernt. Die Folge war ein spürbar schiefer Boden.
Ein Umstand, der aber auch den Charme des Hauses ausmacht - wie auch der schmucke rote Riegel. Dieser war zuvor durch Bretter verdeckt gewesen und wurde nun im Zuge der Renovationsmassnahmen an der Süd- und Nordfassade freigelegt. Um den Zustand des Riegelwerks beurteilen zu können, liessen die Architekten zunächst die alten Riegelabdeckbretter entfernen. Nachdem dann die Fassade gereinigt wurde sowie loser Putz und abblätternde Farbe entfernt worden waren, offenbarte sich die Riegel in noch gutem Zustand und konnten, wie auch die Fenstereinfassungen, repariert und behandelt werden. Die vorhandenen Fachwerkausfachungen und der Verputz wurden ebenfalls repariert und ergänzt. Abschliessend wurden Riegelwerk, Fenstereinfassungen und Mauerwerk nach einem speziell für das Gebäude erstellten Farbkonzept neu gestrichen.
Zurück auf Anfang
Im Inneren des alten Pfarrhauses erhielten die meisten Räume ihren ursprünglichen Zustand zurück; vormals verdeckte Holzböden sind nun wieder freigelegt, Riemenböden wurden ergänzt, das Parkett aufgefrischt und die Wände im ersten Stock sind in dem zarten lindgrünen Farbton vergangener Tage gestrichen. Die Zimmer im Erdgeschoss stehen den Stettfurtern nun für Versammlungen und Sitzungen zur Verfügung, die Räumlichkeiten im ersten Stock und der grosse Dachgeschossraum werden überwiegend von Kindern und Jugendlichen genutzt.
Im Zuge der Renovierung ergaben sich zahlreiche Holzbauarbeiten, die von der Fuchs Holzbau AG aus dem benachbarten Lommis (TG) durchgeführt wurden. Unter anderem stellte sich heraus, dass bei den alten Treppen neue Balkenlagen erforderlich waren. Ausserdem musste ein Unterzug im dritten Obergeschoss ergänzt und die Sparren im Dachstuhl mussten verstärkt werden. Das Dach erhielt zudem ein Bitumenweichfaser-Unterdach mit Unterdachfolie, eine Konterlattung und eine 24-Zentimeter-Dämmung zwischen den Sparren. Unter die Sparren wie auch an die Giebelinnenwände montierten die Zimmerleute schwer entflammbare Spanplatten, Lattung und Gipskartonplatten. "Die Zusammenarbeit mit den Behörden wie auch mit der Denkmalpflege verlief problemlos", blickt der Stettfurter Architekt Rainer Borcherding auf die Bauzeit zurück. "Die Denkmalpflege gab uns sogar Impulse, das Treppenhaus an eine neue Stelle zu setzen und den Anbau mit einem Flachdach zu versehen."
Bewegte Fassade
Der moderne Erweiterungsbau steht in einem auffälligen architektonischen Gegensatz zum historischen Riegelbau. Im Anbau ist ein heller Saal mit einer angrenzenden Küche untergebracht, der als Probelokal und für kleinere Veranstaltungen genutzt wird. Dieser neue Gebäudeteil ist als Massivbau ausgeführt, Betonplatte und Mauerwerk verschwinden jedoch hinter der auffälligen Holzfassade. Die vorgehängte, hinterlüftete und in alle Richtungen gewellte Fassade sollte leicht wie ein Pavillon im Park wirken und auch an ein wogendes Ährenfeld erinnern. Der bewegte Effekt konnte mit einer überraschend einfachen Massnahme erreicht werden, erläutert Architekt Borcherding: "Die Zimmerleute der Fuchs Holzbau AG schnitten die stehende Lattung aus Lärchenholz nach nur einer einzigen Schablone, die dann pro Latte jeweils um fünf Zentimeter verschoben wurde." Wie die wogende Fassade wurde auch die neue Eingangstür des alten Pfarrhauses aus Lärchenholz gefertigt.
bi-arch.ch
Das Projekt – die Fakten
Projekt: Tscharnerhaus, Restauration historischer Riegelbau und Neubau mit
vorgehängter Holzfassade, Stettfurt (TG)
Bauherrschaft: Politische Gemeinde und evangelische Kirchgemeinde, Stettfurt
Architekt und Projektierung: Borcherding Iacobacci Architekten GmbH, Stettfurt
Ausführung und Bauleitung: Kräher und Jenni Architekten, Frauenfeld (TG)
Holzbau: Fuchs Holzbau AG, Lommis (TG)
Fassade: Lärchenholzlattung in bewegter Optik









